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Montag, den 20. Okt. 2014

Grundwissen USA-Recht: Anwendbares Recht  

.   in Grundwissen USA-Recht: Gerichtsbarkeiten wird erklärt, dass jeder Staat sein eigenes mehrstufiges Gerichtswesen hat und daneben der Bund sein eigenes mit drei Instanzen. Heute geht es um das in den Gerichten anwendbare Recht, denn jeder Staat und der Bund hat sein eigenes - insgesamt in den USA sogar 56 Rechts­ordnungen, wenn man Kreise und Städte ignoriert.

Jedes Gericht wendet sein eigenes Prozessrecht an. Das ist also einfach. Das anwendbare materielle Recht, also Vertrags-, Straf- oder Erbrecht, beurteilt sich nach dem Binnen-IPR der Staaten: Jeder hat sein eigenes Conflicts of Laws-Recht, aber grund­sätzlich geht es um Anknüpfungen, mit denen Juristen weltweit vertraut sind. In den Bundes­gerichten wird es etwas komplizierter.

Bundesgerichte wenden Bundesrecht an, wenn ihre sachliche Zustän­digkeit, subject-matter Jurisdiction, wegen einer Federal Question, einer bundes­rechtlichen Frage, gegeben ist. Das ist der Fall, wenn der Bund nach Bundes­beschaffungsrecht einen Griffel oder Panzer kauft oder Privat­parteien sich um Patentfragen streiten, da Patentrecht nur Bundesrecht ist, oder um eine Bundesmarke, da das Bundes­markengesetz des Lanham Act ein Bundesgesetz ist. Ein Streit um eine einzel­staatliche Marke oder einen Griffel­kauf zwischen Unternehmen würde hingegen nicht vom Bundesgericht unter der Rubrik Federal Question ange­hört werden.

Die Bundesgerichte besitzen jedoch auch die Zustän­digkeit für Nichtbundes­angelegen­heiten, solange die Parteien aus verschiedenen Staaten stammen, Diversity Jurisdiction. Welches Recht wenden sie dann an? Das betrifft den Griffelstreit zwischen Privaten, oder den privaten Autounfall: Parteien aus verschie­denen Staaten machen Ansprüche nach einzel­staatlichem Recht geltend. Das Bundes­gericht wendet dann das einzel­staatliche Vertrags­recht, Contract Law, oder das Recht der uner­laubten Handlungen, Torts, an. Fast nichts ist Bundes­recht - jedenfalls bis 1937 -, also wenden die United States District Courts als erste Instanz laufend einzel­staatliches Recht an. Welches Recht bei Diversity-Fällen gilt, beurteilen sie nach den Conflicts of Laws-Grundsätzen. Das IPR ist also etwas Alltägliches.

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Sonntag, den 19. Okt. 2014

Schadensersatz mit YouTube-Beweis  

.   Im Untergrund nahm ein Bahnauf­seher die Klägerin, die mit Freun­dinnen gefähr­lich zu feiern schien, nach ausge­tauschten Un­höflich­keiten fest; sie verklagte ihn auf Schadens­ersatz, auch weil er beim Arrest ihren Rock ange­hoben und ihre Unterwäsche U-Bahnkunden zur Ansicht freige­geben haben sollte. Sie verweist auf eine YouTube-Dokumentation.

Das Bundesgericht der Hauptstadt entschied in der Schlüssig­keits­prüfung, dass nicht alle Tatsachen bereits unstrittig seien und das Video nicht von ihm, sondern den Geschwo­renen zu wür­digen ist. In Karissa Ronkin v. Andy Vihn klärte es am 16. Oktober 2014 jedoch sehr lesens­wert, welche Ansprüche bereits in diesem Stadium abzu­weisen seien und welche über­leben könnten, darunter der Anspruch wegen behaupteter Verletzung der Privat­sphäre, Invasion of Privacy.

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Samstag, den 18. Okt. 2014

Buchdigitalisierung an der Uni  

.   Im Jahr 2014 nimmt die Buchdigitalisierung im amerikanischen Urheberrecht eine zentrale Rolle ein, die im Fall Cambridge University Press v. J.L. Albert mit Blick auf Spezialwerke und universitäre Nutzung am 16. Oktober 2014 erneut und vertieft untersucht und auf 129 Seiten erörtert wurde. Die Entscheidungsbegründung des Bundesberufungsgerichts des elften Bezirks der USA in Atlanta ist noch gründlich auszuwerten und mit den bereits vorliegenden Entscheidungen anderer Gericht abzugleichen, doch ist deutlich, dass in diesem Bezirk das Digitalisierungsprivileg nach dem Fair Use-Grundsatz, 17 USC §107, strenger geprüft wird als in den Bezirken der in New York City und Chicago ansässigen Gerichte.
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Freitag, den 17. Okt. 2014

Tot am Schreibtisch  

.   Die Flying Tigers hatte er aufgebaut, um Mao zu schlagen, dann aus Formosa den Staat Taiwan gebildet und später einen Putsch in einer Bananenrepublik inszeniert - stets im Dienste der Mandanten und Präsidenten, denen er auch rüstig treu blieb. Mit 80 hauchte er zum letzten Mal, am Schreibtisch und überhaupt.

Der neue Managing Partner hat dieses Bild vom Vorgänger vor Augen und ärgert sich insgeheim über den Fehlschlag, vor Jahrzehnten Unabhängigkeitskämpfern eine kleine Südseeinsel abzuverhandeln, um dort für reiche und idealistische Mandanten einen neuen Staat nach dem Modell Singapur als neue Heimat für die Boat People aufzubauen.

Erfahrung mit der Staatengründung und Folgen ihrer Verschmelzung sowie den notwendigen internationalen Übereinkünften und Gesetzen hat die Kanzlei, und die unter neuer Leitung hinzugekommenen Partner ergänzen die internationalen Kompetenzen.

Der Durchschnittsmandant will Wirtschaftsrecht oder die Abwehr amerikanischer Klagen, keine Revolution - und heute ist sie für Rechtsanwälte ohnehin nicht so leicht mit Standesrecht vereinbar -, und wenn jener im Weltall, im Nanonebel oder weltweit in 90 von 100 Rechnern vertreten ist, kann der neue Mann auf fähige Kollegen bauen. Vor 80 gibt es noch viel zu tun.

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Donnerstag, den 16. Okt. 2014

Furcht vor Verfolgern in den USA  

.   Einmal in den USA etwas angestellt? Angst vor Klage oder Anklage? In einem Rechtshilfeverfahren mit den USA erwähnt worden? Bei solchen Gedanken fragt man sich, wie sich ermitteln lässt, ob in den USA ein Verfahren droht oder man sorgenlos zu Berufs- oder Besuchsreisen in den USA fliegen kann.

Bei 56 unabhängigen Rechtskreisen in den USA - Kreise und Städte nicht eingerechnet - bedingt die Nachforschung einen erheblichen Aufwand. Eine zentrale Anlaufstelle gibt es weder für Beklagte noch Angeklagte. Jeder Sheriff kann für seinen Ort bescheinigen, dass nichts vorliegt, doch was nützt das am Flughafen? Die Verfolgungsinstanzen beschränken sich nicht auf Staatsanwaltschaften; man muss auch an die zivilrechtliche und verwaltungsrechtliche Verfolgung denken.

Anwälte und Unternehmen, die an bestimmte Datenbanken angeschlossen sind, können kostenpflichtige Anfragen vornehmen. Zivilprozesse sind einfacher zu finden als Strafverfahren, die auch geheim gehalten sein können, bis der Staat des Beschuldigten habhaft wird. Zudem können sie bei bestehenden Zugangsrechten die schwarzen Listen, die nach Drogen-, Geldwäsche-, Sanktionen-, Embargo-, Exportkontroll- und Waffenausfuhrgesetzen geführt werden, überprüfen. Schließlich ist an privat vorgehaltene Datenbanken, wie die von Investigative Consultants, Inc., zu denken, die in engen gesetzlichen Grenzen Datenbestände aus vielen Teilen der Welt verwalten und nur Staaten, Rechtsanwälten und Finanzinstitutionen offen stehen.

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Montag, den 13. Okt. 2014

Vertreibung in Zypern: kein US-Gerichtsstand  

.   Seit dem Daimler AG v. Bauman-Präzedenzfall des Supreme Court häufen sich Klageabweisungen gegen ausländische Kläger, wie auch griechische Zyprioten erfuhren, die gegen den türkischen Zypriotenstaat vor dem Bundesgericht der Hauptstadt vorgingen.

Sie bezeichneten den Nordstaat als Verein, nicht als Staat, um dem Foreign Sovereign Immunities Act mit seinen Staatsimmunitätsregeln auszuweichen, doch gaben sie so dem Gericht im Fall Toumazou v. Turkish Republic of Northern Cyprus eine Handhabe, eine Abweisung mit dem allgemeinen Zuständigkeitsmangel für Associations zu begründen.

Das Gericht stellte nach dem Daimler-Fall aber auch fest, dass der Nordstaat nicht die notwendige Ansässigkeit im Forumbezirk Washington, DC, sondern in Zypern besitzt. Außerdem wies das Gericht die Klage gegen die mitbeklagte Bank aus Zypern ab, die mit einem amerikanischen Bankkonzern verbunden ist, nachdem es die Zuständigkeitsregeln ausführlich in seiner Begründung vom 9. Oktober 2014 erklärte.

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Sonntag, den 12. Okt. 2014

Gerichtsstand New York: (-)  

Ohne geeignete Anknüpfung kein geeignetes Forum
.   Wegen Vertragsverletzung, Breach of Contract, und unerlaubter Handlung, Tort, zitierte die Klägerin ein ortsfremdes Unternehmen vor das New Yorker Gericht, doch konnte dieses die tatbestandlichen Anknüpfungen nicht unter das dortige Zuständigkeitsrecht subsumieren und gab dem Klagabweisungsantrag im Fall Continental Indus. Grp. Inc. v. Equate Petrochemical Co. statt.

In der Revision führte am 10. Oktober 2014 das Bundes­berufungsgericht des zweiten Bezirks der USA lesenswert aus, wieso das Ergebnis Bestand behält. Die unerlaubte Handlung wirkte sich in der Türkei aus. Vertraglich ist aus Bestellungen erkennbar, dass englisches Recht gelten soll. Der einzige Bezug nach New York sei der Umstand, dass der behauptete Vertrag mit der New Yorker Klägerin abgeschlossen worden sein soll. Der United States Court of Appeals for the Second Circuit legte auch kurz die wesentlichen Anküpfungsmerkmale dar, die die Klägerin außer im ersten Punkt verfehlt habe:
The factors are:
(i) whether the defendant has an on-going contractual relationship with a New York corporation; (ii) whether the contract was negotiated or executed in New York and whether, after executing a contract with a New York business, the defendant has visited New York for the purpose of meeting with parties to the contract regarding the relationship; (iii) what the choice-of-law clause is in any such contract; and (iv) whether the contract requires franchisees to send notices and payments into the forum state or subjects them to supervision by the corporation in the forum state. AaO 4.

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Samstag, den 11. Okt. 2014

Frist verlängert, Frist verpasst  

MW - Washington.   Gegen die Beklagte aus Nigeria bestätigte in New York City in Aircraft v. Oceanic das Bundesberufungsgericht des zweiten Bezirks der USA am 9. Oktober 2014 das Urteil des Untergerichts, das sie zu Schadensersatz wegen Vertragsbruchs verurteilte. Die Parteien hatten sich über den Kauf von drei Helikoptern geeinigt. Gemäß dem Vertrag waren Änderungen nur in schriftlicher und authorisierter Form zulässig. Nachdem die Beklagte einen Hubschrauber, nicht jedoch die weiteren erwarb, folgte die Klage.

Das Untergericht stellte eine mündlich vereinbarte Verschiebung der Abnahmetermine fest, doch habe die Beklagte diese späteren Termine nicht eingehalten. Sie sei daher schadens­ersatz­pflichtig. Von einem vertrag­lich verein­barten Former­fordernis für Vertrags­änderungen gibt es nach New Yorker Recht zwei Ausnahmen. Dies ist zum einen die Einrede der unbilligen Verwirkung, für den Fall, dass die eine Vertragspartei sich aufgrund eines Verhaltens der anderen darauf verlassen durfte, dass die wörtliche Änderung gelten solle. Zum Anderen soll eine Abweichung von einem vereinbarten Formerfordernis zulässig sein, wenn die Partei sich bereits gemäß der neuen Absprache konkludent verhalten hat und dieses Verhalten unverkennbar auf die mündliche Absprache zurück­zuführen ist.

Dies war hier der Fall, da die Beklagte in einer Besprechung bestätigte, weiterhin nach einem geeigneten Abnahmetermin zu suchen und an der Abnahme sehr interessiert zu sein, sowie zur Sicherheit eine Anzahlung leistete. Allerdings versäumte die Beklagte dann den mündlich vereinbarten Abnahmetermin, sodass das Berufungsgericht den Schadensersatz bestätigte.

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Freitag, den 10. Okt. 2014

Lizenzvertrag mit beschränkter Haftung  

CO - Washington.   Dass der Vertrieb einer Toolbar ohne entspre­chende Lizenz keine weit­reichenden Folgen hat, entschied das Bundes­berufungs­gericht des zweiten Bezirks der USA im Fall My Play City Inc. v. Conduit Limited. Demnach kann sich eine vertrag­lich geschlos­sene Haftungs­beschränkung auch auf nachver­tragliche Verletzungs­handlungen beziehen.

Die Klägerin ist ein Unternehmen, das Computer­spiele herstellt und vertreibt. Zusammen mit der Beklagten entwickelte sie eine sogenannte Toolbar, also eine Zubehör­software, für eines ihrer Spiele, deren Vertrieb unter der Marke der Klägerin erfolgte. Die Nutzer konnten die Toolbar sowohl auf der Webseite der Klägerin als auch auf der Webseite der Beklagten herunterladen. Die erzielten Erträge wurden zwischen den Vertrags­parteien aufgeteilt. Der hierzu geschlossene Vertrag beschränkte die Haftung beider Parteien auf einen Maximalbetrag von $5.000. Die Beklagte kündigte den Vertrag, stellte die Toolbar zunächst jedoch weiter zum Download bereit und verletzte somit die Markenrechte der Klägerin.

Die Klägerin bekam erst­instanz­lich einen Betrag von $500.001 wegen ungerecht­fertigter Berei­cherung zuge­sprochen. Das Gericht war der Ansicht, dass die vertrag­lich verein­barte Haftungs­beschränkung sich nicht auf eine nachver­tragliche Schädigung beziehen könne.

Das Berufungsgericht sah dies anders und entschied, dass die Haftungs­beschränkung auch dann greife, wenn der Vertrag bereits gekündigt wurde, da die Klausel sich auf alle Ansprüche im Zusammen­hang mit dem Vertrag beliefe, hiervon seien demnach auch nach­vertrag­liche Handlungen der Vertrags­parteien umfasst.

Die Revisions­entscheidung geht hier zu Lasten der Privat­autonomie. Sie bindet die Klägerin an eine vertrag­liche Verein­barung, die durch die Kündigung des Vertrages seitens der Beklagten gar nicht mehr bestand und somit von den Parteien auch nicht mehr gewollt war. Vertrags­parteien sollten demnach der gericht­lichen Auslegung einen Gürtel umschnallen und die Ausmaße post­vertrag­licher Haftung explizit regeln.

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Donnerstag, den 09. Okt. 2014

Tänzerin wirbelt ins falsche Forum  

.   Lyrische Prosa verwirbelt das Bostoner Gericht im Fall einer exotischen Tänzerin, die ihren arbeit­gebenden Nachtklub wegen eines gefähr­lichen Arbeits­platzes und erlittener Verlet­zungen in Cioffi v. Gilbert Enterprises, Inc. verklagte.

Der poetisch veranlagte Richter Selya des United States Court of Appeals for the First Circuit beurteilte am 8. Oktober 2014 die örtliche Zuständig­keit der Bundes­gerichte von Rhode Island und Massachusetts. Der Klub, der Unfall, der Arbeitgeber und das anwendbare Recht weisen nach Rhode Island, doch die Tänzerin wählte das andere Gericht. Die Entscheidung ist einerseits wegen der ungewohnten Wortwahl des Richters lesenswert, anderseits wegen der Erläuterung der fehlenden Neigung des Revisions­gerichts, die Hausarbeiten der Klägerin zu machen, die die nachzu­prüfenden Rechtsfragen falsch angeht.

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Der kurze Weg zum deutsch-amerikanischen Recht: http://anwalt.us

Auf Englisch:
CK
Clemens Kochinke ist Gründer und Heraus­geber des German American Law Journal in der Digital­fassung sowie von Embassy Law. Er ist Jurist, Attorney und Rechts­anwalt, vormals auch Referent für Wirtschaftspolitik und IT-Aufsichtsrat, seit Oktober auch Managing Partner seiner alteingesessenen amerikanischen Kanzlei, und schreibt seit Jahr­zehnten über deutsch-ameri­kani­sche Rechts­themen.

2014 erschien sein jüngster Buch­beitrag Vertragsverhandlung in den USA in Heussen/Pischel, Hand­buch Vertrags­verhandlung und Vertrags­manage­ment, und 2012 sein Buch­beitrag Business Negotiations in Germany in New York, 2013 sein neuestes EBook Der amerikanische Vertrag: Planen - Verhandeln - Schreiben.

Die meisten Mit­verfasser sind seine hoch­qualifi­zierten, in das amerikanische Recht einge­führten Refe­rendare und Prak­tikanten.




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